Die nächste grosse Krise: der Ausbruch des Vesuvs…?

Oder wieviel darf eine Volkswirtschaft für die Krisenbekämpfung ausgeben

Es mag etwas voreilig sein, aber wir können heute schon behaupten: Wir konnten die Pandemie-Krise einigermassen gut bewältigen. Allerdings zu derart hohen volkswirtschaftlichen Kosten, dass wir dafür beten werden, dass ein vergleichbares Ereignis nicht demnächst wieder eintreten wird. Eine grosse Atomkatastrophe, ein Cyberkrieg, nochmals eine böse Pandemie – alles Krisen, die global oder regional ein Desaster darstellen würden. Die meisten Volkswirtschaften könnten nicht nochmals so viel Geld aufwerfen für eine Krisenbekämpfung, wie sie es für Corona taten. Nur schon der Ausbruch des Vesuvs zum Beispiel könnte unser Leben verändern. Sind wir solchen Herausforderungen wirklich gewachsen? Und wieviel darf eine Volkswirtschaft ausgeben, um solchen Krisen entgegenzuwirken?

Ein Warnschuss erfolgte im Jahre 2010

Erinnern Sie sich noch an den Ausbruch des Eyjafjallajökull auf Island? Der Himmel ganzer Erdteile war über Tage und Wochen in Vulkanstaub gehüllt, der Flugverkehr über weite Teile lahmgelegt, das Klima beeinträchtigt, lokal die Gesundheit der Bevölkerung. Es war ein kurzes, glücklicherweise nur vorübergehendes Ereignis.

Im Jahr 1815 war es anders. Der Ausbruch des Tambora-Vulkans in Indonesien hatte schwerwiegende globale Auswirkungen: Amerika und Europa mussten in der Folge nämlich ein „Jahr ohne Sommer“ verzeichnen. Ein grosser Teil der Menschheit litt an Kälteeinbrüchen, Missernten, Überschwemmungen. In der Schweiz brach eine Hungersnot aus. Der russische Zar Alexander I. erbarmte sich und lieferte Getreide und Geld an die Ostschweiz. Ob Präsident Putin uns heute auch helfen würde? Aus Deutschland wanderten aufgrund der grossen Not viele Menschen in den Süden Russlands oder in die USA aus. Und in den USA selbst gab es eine Wanderbewegung vom Osten in den Westen. Das alles nur aufgrund eines Vulkanausbruches? Ja.

Alle hundert Jahre ein grosser Vulkanausbruch…

Die Wahrscheinlichkeit lehrt uns, dass etwa einmal pro hundert Jahre ein grosser Vulkanausbruch globale Auswirkungen haben könnte. Wir kennen alle die Geschichte vom Aussterben der Dinosaurier. Die Wissenschaft rätselt bis heute, ob es ein grosser Vulkanausbruch oder ein Meteoriteneinschlag war, der aufgrund der reduzierten Sonneneinstrahlung plötzlich einen Klima- und Vegetationswandel auslöste.

Als der Vesuv ca. 79 n. Chr. ausbrach, verschwand Pompeji unter einer 12m hohen Lava- und Ascheschicht. Noch heute gilt der Vesuv als der gefährlichste Vulkan der Welt. Geologen bezeichnen ihn als Zeitbombe.

Der Ausbruch des Vesuvs könnte verheerende Auswirkungen haben

Die Wahrscheinlichkeit für einen richtigen Ausbruch des Vesuvs wird auf 1% geschätzt, dies für den Zeitraum der nächsten 50 Jahre. Also ein einigermassen überblickbares Szenario. Sollte dieses allerdings eintreffen, wären die Auswirkungen verheerend. Wir würden uns dann nicht nur über eine vorübergehende Beeinträchtigung des Flugverkehrs unterhalten.

Neapel zählt über eine Million Einwohner, der betroffene Grossraum (leider inklusive der schönen Insel Capri) sogar über drei Millionen. Hunderttausende von Todesopfern wären zu beklagen. Die Szenarien sind bekannt, gemacht wird wenig. Analog zu unserer Pandemie-Vorbereitung (Stichwort Masken, Krisenpläne, etc.)… Es gibt zwar seit langem Umsiedlungspläne in der Region, selbst mit Prämien. Praktiziert wird indessen das Gegenteil: In den besonders betroffenen „roten Zonen“ wird nämlich kräftig gebaut. Die heutigen Evakuierungspläne für einen Ausbruch gehen von einer Vorlaufzeit von 14 Tagen aus. Buona Fortuna! Die Evakuierung der Region würde wohl zu einem mehr als italienischen Chaos ausarten, zumal die Fluchtmöglichkeiten beschränkt sind. Elend und Plünderungen wären vorprogrammiert, die Armee müsste eingreifen. Abgesehen von den drastischen ökonomischen Auswirkungen in der ganzen Region wäre der direkte Einfluss auch überregional und würde mit Bestimmtheit auch die Schweiz betreffen. Strom- und Kommunikationsverbindungen können gekappt werden, halb Europa wäre von Hospitalisierungen betroffen. Apocalypse now?

Auch globale Auswirkungen

Ein grosser Vulkanausbruch würde nicht nur einen Aschenregen über die Alpen niedergehen und die Airlines grounden lassen. Der „Flügelschlag des Schmetterlings“ würde Kollateralschäden produzieren, an die wir im ersten Moment kaum denken: Kälteeinbrüche, Ernteausfälle, Flutkatastrophen, Tsunamis. Die Klimaveränderung könnte auch längerfristig anhalten. Lieferketten könnten unterbrochen werden, Versorgungsengpässe wären vorprogrammiert, globale ökonomische Auswirkungen wahrscheinlich. Und das alles nur aufgrund eines Vulkanausbruches? Die Frage müssen wir leider nochmals mit Ja beantworten. Das einzig Positive an dem Szenario: Es ist in der Tat wenig wahrscheinlich.

Wieso unterhalten wir uns so lange über den Vesuv…?

Lohnt es sich überhaupt, sich mit wenig wahrscheinlichen Krisen auseinanderzusetzen? Die Krux liegt jedoch darin, dass sich ein ganzer Reigen an Krisen präsentiert: Strommangellagen, Cyberattacken, Atom-Terrorismus, neue Pandemien, etc. Der Bundesrat hatte schon 1999 und nochmals 2015 definiert, welche Krisenereignisse die wahrscheinlichsten sind. Der Russe, der den Rhein überschreitet, war nicht mehr auf der Liste. Die Pandemie indessen schon, sogar auf Platz 2. Und trotzdem waren wir nur knapp vorbereitet. Wir sind also bereit, den Russen zu empfangen, nicht aber eine Pandemie.

Prognosen sollten Wahrscheinlichkeiten und Auswirkungen beinhalten. Sind die Wahrscheinlichkeiten einigermassen hoch, das Ausmass einer Krise ebenso, lohnt es sich, Vorbereitungen zu treffen. Dafür Geld auszugeben stellt anschliessend eine volkswirtschaftliche Investition dar.  Erst kürzlich wurden unsere Behörden für die Bekämpfung von Cyberattacken mit 20 Stellen etwas verstärkt – ein guter Anfang. Was jedoch fehlt: ein umfassendes Management zur Krisenvermeidung und Krisenbekämpfung. Werden wir aus der  Corona-Krise tatsächlich lernen?

True Economics wird sich in weiteren Beiträgen den verschiedenen Krisendefinitionen und den volkswirtschaftlichen Konsequenzen widmen. Ein etwas unappetitliches Thema, dem wir jedoch nicht ausweichen wollen. Die Addition aller möglichen Krisenwahrscheinlichkeiten wird nämlich zur Erkenntnis führen, dass die Summe dieser unabhängigen Eintretens-Wahrscheinlichkeiten und deren Auswirkungen plötzlich ein sehr wahrscheinliches Szenario für eine nächste Krise darstellt. Leider wissen wir kaum, welches Szenario zuerst eintreten wird.

Fazit: Unsere Krisenvorbereitung muss dringend verbessert werden

Krisenvermeidungen sind zum Teil unmöglich – siehe Vesuv. Unsere Volkswirtschaft muss indessen trotzdem überlegen, für welche Krisenerkennung und vor allem Krisenbekämpfung wieviel Geld ausgegeben werden soll. Wir müssen also vorab die wahrscheinlichsten grossen Krisen definieren, ihre Eintretens-Wahrscheinlichkeiten schätzen, die Auswirkungen berechnen und die Krisenbekämpfung planen. Das Ranking der Krisen sollte uns das Mass der Investitionen für die Krisenvorbereitung vorgeben. Unsere Armee kostet rund acht Milliarden pro Jahr – vorab für ein Krisenszenario, welches gar nicht mehr oben auf der Liste figuriert. Wir unterhalten zudem einen Zivilschutz, welcher eine kleinere Flutkatastrophe bekämpfen kann, aber vermutlich viele andere Krisen nicht. Und wir verfügen über nur provisorisch vorbereitete Krisenstäbe. Wir geben zurzeit sehr viel Geld für die Corona-Krisenbekämpfung aus – für die Vorbereitung dieser Krise, obwohl ziemlich wahrscheinlich, liessen wir indessen kaum etwas springen. Und so sind wir auch für die nächsten (wahrscheinlichen) Krisen kaum vorbereitet. Wir müssen umdenken.

Hilfskredite der Staaten: die 10 roten Linien

Oder warum die staatliche Verbilligung eines Joghurtbechers um einen Cent einfach nicht geht.

Unter dem Deckmantel der Coronahilfe – oder auch sonst nur in Form von „Konjunkturhilfe“ – greifen die Staaten tief in die Taschen. Sei es mit Subventionen oder Krediten: Das Füllhorn wird ausgeschüttet. Dabei werden oft rote Linien überschritten. Staaten begehen gerade in Krisenphasen oft ordnungspolitische Sünden oder erlauben sich Grosszügigkeiten, die zuweilen nur politisch motiviert sind. Die vorauseilende Hilfe an die Swiss zum Beispiel war ein solcher Sündenfall, das Zusammenkaufen von Börsenwerten durch das Fed oder das Euro-Manna an kränkelnde Südstaaten. Leider sind die roten Linien oft mit grosser Schuldenbildung verbunden. Unser Beitrag wird 10 rote Linien aufzeigen.

Die Corona-Kredite in der Schweiz konnten in Rekordgeschwindigkeit gesprochen werden – ein Husarenstück der Schweizer Behörden, in der Tat. Die Effizienz wurde für einmal der Geschwindigkeit untergeordnet, Schrotschuss dem genauen Treffen vorgezogen. Das war sicher richtig. Natürlich war eine überaus hohe Dringlichkeit („Krediterteilung in 30 Minuten“) in dieser krassen Form nicht notwendig, hinterliess aber immerhin ein gutes Image. Man hätte es auch etwas differenzierter orchestrieren können, zumal die Geldinstitute die Kredite vergeben mussten: Eine Risikokategorisierung durch die Banken hätte gewisse Firmen ausschliessen können, deren Überleben so oder so nicht gesichert war. Eine Darwin’sche Triage fast, das Regelwerk liess es indessen nicht zu. Als „Pfand“ hätte man auch die Hinterlegung von Aktienanteilen fordern können, die in einem von den Banken und dem Bund verwalteten Krisenfonds hinterlegt werden. Diese Sicherheiten hätte man zum Beispiel binnen eines Monats erbringen können. Aber Achtung: Das Modell hätte berücksichtigen müssen, dass der Staat nie Eigner werden darf. Wie dem auch sei, man ist mit den Kreditvergaben nur knapp an der roten Linie vorbeigeschrammt, hat aber immerhin gehandelt. Wir lassen es durchgehen.

Echte rote Linien wurden jedoch weltweit überschritten. Im Folgenden sollen ein paar aufgeführt werden:

Rote Linie Nummer 1: Hilfe an nicht systemrelevante Betriebe

Für die grossen Investitionen (nicht die Coronakredite) hätte alleine die Systemrelevanz die Hilfsbedürftigkeit diktieren sollen. Die Swiss-Kreditierung war in diesem Sinne weder dringend, noch ordnungspolitisch korrekt. Es wurde eine Firma in ausländischem Besitz subventioniert, deren Aktivitäten hätten ersetzt werden können. Nostalgie und falsch interpretiertes Heimatgefühl sind schlechte Begleiter von Unterstützungsübungen. Systemrelevanter wären die Kitas gewesen: Hilfe an dieser Stelle hätte ermöglicht, dass solche Betriebe in irgendeiner Form beitragen könnten, vor allem Arbeitnehmerinnen berufliche Handlungsfreiheit zu sichern.

Rote Linie Nummer 2: Hilfe an „fallen angels“

Die USA – also das Fed – investiert nicht nur generell an der Börse, sondern kauft sogar morbide Firmen zusammen. Damit wurde eine rote Linie krass überschritten. Auch die EZB macht es nicht besser und übersteigt mit ihrem „quantitative easing“ in nie dagewesener Form sogar – vermutlich – ihre formellen Kompetenzen. Aber auch in der Schweiz gibt es unsinnige Investitionen: Hilfe für schon vor der Krise hoffnungslos operierende Vorortsgastronomen, das Garnihotel ohne Konzept oder Unterstützung für andere ungelenk Operierende und schon früher annähernd dem Tod Geweihte ist sinnlos. Zoombiefirmen zu unterstützen heisst, rote Linien zu überschreiten.

Rote Linie Nummer 3: Verlängerung der Kurzarbeit über eine Krise hinaus

Der Sinn der Kurzarbeit war immer von vorübergehender Natur. Es gilt, momentane Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Wenn Firmen indessen um ein Downsizing oder die Aufgabe ihrer Tätigkeiten mittelfristig gar nicht herumkommen, so nützt auch Kurzarbeit nichts. Es ist nur ein Hinauszögern des Todes, Strukturhilfe oder falsch verstandenes Sozialempfinden. Hier muss besser der Stecker gezogen werden, anstatt den Staat zusätzlich unnütz zu belasten. Man denke besser an Schumpeters „schöpferische Zerstörung“. Mit den falsch verstandenen Hilfen werden nur die nötigen Anpassungen und das Ergreifen von Effizienzmassnahmen aufgeschoben, was weder betriebswirtschaftlich noch volkswirtschaftlich sinnvoll ist. Dem Staat sei also geraten, vor einer Verlängerung der Kurzarbeit in dieser bald post-coronitten Ära genau hinzuschauen. Das könnte so aussehen, dass die Firma nach Bewilligung der ersten Kurzarbeitsphase binnen einem Monat einen kleinen Businessplan vorlegt, wohin die Reise gehen soll. Die Hausbank mag dabei helfen – es wird auch in ihrem Interesse sein. Nur schon die Aufgabestellung für den Businessplan könnte positiv regulierend wirken. Die Schweiz plant nun eine Ausweitung der Kurzarbeit auf 18 Monate – vordergründig vielleicht sympathisch, aber eine Milliardenausgabe, welche sich volkswirtschaftlich in diesem Ausmass kaum rechtfertigen lässt.

Rote Linie Nummer 4: Übertriebene Hilfe an Exponenten in Kultur, Sport und Medien

Diese Institutionen sollten genau die gleichen Rechte haben wie andere, welche von Corona-Krediten profitierten. Es gibt keinen Grund, diesen Exponenten in einer Krise direkte Subventionen zufliessen zu lassen. Die Konditionen für zinslose Kredite sind bereits hervorragend, sie müssen zudem erst in fünf oder sieben Jahren zurückbezahlt werden. Sollten diese Institutionen es nicht schaffen, damit über die Runden zu kommen, werden sie sich neu konstituieren müssen. Eine kleine Bruchlandung und ein Wiederaufbau wäre der Volkswirtschaft zuzumuten. De facto weiss der Bund nämlich, dass selbst eine Beschränkung auf Kredite (also ohne die Verteilung von Subventionen) die Rückzahlung in vielen Fällen eh illusorisch ist – womit allein schon die Hilfskredite einen Apanage-Charakter aufweisen. Weitergehendes Manna, das im Rahmen dieser Krise über diesen Institutionen ausgeschüttet wurde oder würde, lässt sich kaum rechtfertigen – auch wenn diesen Geschenken, auch hier, ein gewisser Sympathiewert nicht abzusprechen ist.

Rote Linie Nummer 5: invasive staatliche Industriepolitik

Eine soziale Marktwirtschaft dürfte sich nicht aktiv in Angebote der Industrie einmischen. Wenn Frankreich nun seine verschlafen agierenden Renault-Werke mit 5 Milliarden unterstützen möchte, wird das kaum nachhaltig sein. Mit Geld allein kann man Märkte und Innovationskultur nicht beschleunigen. Die 35h-Woche und Managementfehler lassen sich damit nicht beseitigen – im Falle Renaults zwei ursächliche Gründe für die Misere, welche selbstredend nicht erst durch Corona produziert wurde.

Auch die bis zu 9‘000 Euro schwere deutsche Kaufprämie für Elektrofahrzeuge ist eigentlich nur verdeckte Industriepolitik: Die ökologische Effizienz ist fragwürdig, zumal die Energiegewinnung im Moment noch alles andere als ökologisch ist. Die den deutschen Fahrzeugbauern aufoktroyierten neuen Technologien setzen sich nicht ab, deshalb die grosszügigen Kaufprämien. Das ist zusätzlich falsch, weil inländische Käufer so (im Vergleich zu ausländischen) subventioniert werden. Selbst mit der Idee oder dem Vorwand, ein „Smartphone auf vier Rädern“ zu fördern: Eine solche „Konjunkturpolitik“ führt zu Marktverzerrung und stellt eine einseitige Begünstigung einer Branche dar. Industriepolitik eben, welche rote Linien überschreitet.

Rote Linie Nummer 6: Hilfe an Staaten ohne Auflagen

True Economics verweist auf den Beitrag von Paul Carpenter vom 1. Juni („Maastricht ist tot“). Euro-Manna auszuschütten über Staaten, welche ihre Hausaufgaben nicht gemacht haben, ist Verschwendung. Wenn Hilfe in Form von Investitionen parallel zu Reformen erfolgt, kann dies sinnvoll sein. Einige Südstaaten in der EU sind jedoch gar nicht aufnahmefähig für Investitionen; „Hilfe“ heisst in diesen Fällen also „Durchfüttern“. Das ist Verrat an den Steuerzahlern der Nordstaaten. Wann wehren sich diese endlich? Es würde nur zu einer klugeren Mittel-Allokation führen und zu einer Stärkung des europäischen Wirtschaftsblockes.

Rote Linie Nummer 7: überbordende Geldschöpfung

Die Notenbanken fast aller Staaten schöpfen nun Geld in absolut unverantwortbarer Weise. Die damit zusammenhängenden Kreditaufnahmen der Staaten für ihre explodierende Verschuldung können nur verkraftet werden, wenn die Zinsen noch für Dezennien auf null bleiben. Auch dies ist Verrat – diesmal  an den künftigen Generationen, welche so um ihre Renten und Sparanstrengungen gebracht werden. Rote Linien werden auch hier überschritten, nicht nur ordnungspolitisch, sondern auch moralisch.

Rote Linie Nummer 8: falsche Konjunkturprogramme

In Krisen bringt Hilfe nur etwas, wenn diese sofort erfolgt. Deshalb verpuffen Konjunkturhilfen oft wirkungslos – sie kommen meistens zu spät, wirken dann bisweilen zyklisch, anstatt antizyklisch. Keynesianische Modelle waren deshalb nur zu oft nicht sehr zielführend. Konjunktur lässt sich selten „kaufen“. Eine Erhöhung der Staatsausgaben bringt das Räderwerk der Wirtschaft nicht nachhaltig zum Laufen – vor allem, wenn es sich nicht um staatliche Investitionen (so zum Beispiel um Infrastrukturprojekte) handelt, sondern nur um staatlichen Konsum. Im Wissen darum, dass dem so ist, da man über die letzten Dezennien ja dazu gelernt hatte, werden mit den falschen staatlichen Konjunkturprogrammen deshalb sehenden Auges rote Linien überschritten.

Wenn die deutsche Regierung nun ihre Mehrwertsteuer vorübergehend vom 1. Juli bis 31. Dezember in homöopathischer Form um zwei bzw. drei Prozent runtersetzt, um die Konjunktur anzukurbeln, wird das ein 15-Milliarden-Schuss in den Ofen sein. Ein Becher Joghurt verbilligt sich so um einen Cent. Ob das wohl eine Nachfragelawine auslösen wird…? Die Regierung weiss doch, dass das Problem derzeit bei der Kauflust generell und bei der erhöhten freiwilligen Sparneigung liegt. Wieso tut sie es trotzdem?

Bei einem Fahrzeugkauf von 100‘000 Euro lohnt es sich indessen, besser zu planen: Der neue BMW wird dann nicht jetzt, sondern mit einem Discount von 3‘000 Euro erst ab dem 1. Juli geordert, und vor dem 31. Dezember wird vielleicht noch schnell ein Kauf getätigt, der für den Januar 2021 geplant war. Wem das am Schluss wohl geholfen hat…?

Die hochindustrialisierten Staaten hängen in der Regel bis zu 50% eh sehr stark vom Export ab. Klassische Konjunkturprogramme helfen also so oder so nur partiell. Im Wissen um alle diese Zusammenhänge – und eben mit der verdeckten Erkenntnis, dass es sich bei diesen Giesskannen-Manövern nur um politische Geschenke handelt – werden tief-rote Linien überschritten!

De facto handelt es sich (wie die vorübergehende deutsche Kinderzulage für alle) nicht um eine Verteilung an Hilfsbedürftige, sondern um teures und nicht punktuell eingesetztes  Helikoptergeld.

Rote Linie Nummer 9: Helikoptergeld

Verschiedene Staaten haben in indirekter Form schon Helikoptergeld abgeworfen. Der Begriff entstand aus dem Bild einer breitflächigen direkten Verteilung von Geld an alle. Es ist ein Verzweiflungsakt, welcher die Stabilität der Währung und des Finanzsystems gefährdet, Geld an sich psychologisch entwertet und zudem sehr unsozial ist. Siehe falsche Konjunkturprogramme Deutschland. Die USA haben im Rahmen der Corona-Krise an alle – alle! – Haushalte Geld verteilt. Donald Trump ist eben ein netter Kerl, die Wähler werden ihn vielleicht mit ihrer Stimme belohnen.

Rote Linie Nummer 10: der Stil…

Nein, hier handelt es sich nicht um eine makroökonomische rote Linie. Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass gewisse Regierungschefs gerade in der aktuellen Krise vermehrt auch rote Linien in Sachen Stil und Verkennung von Faktenlagen überschreiten. Wir denken hier keinesfalls an Donald Trump, denn True Economics möchte ja apolitisch bleiben.

Fazit: Werden die roten Linien überschritten, überschreitet der Staat seine ursächlichsten Aufgaben und Kompetenzen. Er produziert Schulden, welche die Zukunft belasten oder verzerrt Angebot und Nachfrage. Corona muss eben für vieles herhalten – vor allem für Probleme und Strukturschwächen, die schon lange vor der Krise bestanden. Was wir dagegen tun können? Wir prangern sie einfach an, diese überschrittenen roten Linien.

Sieht True Economics alles viel zu negativ?

Unser persönlicher Newsletter hat erfreulicherweise zahlreiche Leser zu Kommentaren bewegt. Es waren viele positive dabei – das hat uns gefreut! Es gab allerdings auch ein paar negative. So kam vereinzelt Kritik auf, dass wir doch nicht alles so negativ sehen sollten.

Wohlan, denn. Hier also unsere vorwärts gerichtete Reflexion. Wir versuchen heute der Pandemie-Krise einmal etwas Positives abzugewinnen! Allerdings müsste Greta wohl ihren Lebensentwurf überdenken.

Es kehrte Ruhe ein

Ja, wir konnten endlich etwas innehalten. Ruhe kehrte ein, die Lockdowns reduzierten die Hektik. Man konnte sich wieder vermehrt der Familie widmen, so tun, als ob man arbeitet im Homeoffice, den Keller aufräumen. Man stand weniger in den Staus, und der öV bot uns ein  erstaunliches Mass an Privatsphäre. Die Besitzer von Einfamilienhäusern konnten sich an einem ganz gewöhnlichen Montagmorgen in den Garten setzen, Kurzarbeit (oder eben Homeoffice) machten es möglich. Von der Gartenarbeit blieb man verschont, denn die Gartencenter und Baumärkte wurden – im Vergleich zu den Nagelstudios zum Beispiel –  auf wundersame Weise geschlossen (unsere deutschen Nachbarn hingegen verharrten in der Pflicht zur Gartenarbeiten, denn ihre Center waren offen).

Der Konsumverzicht war vielleicht heilsam: Plötzlich entdeckte man, dass es auch ohne ging. Der eine oder andere besann sich unter Umständen gar auf wahre Werte.

Und es gab auch weniger Kriminalität, weniger Unfälle. Unser Leben wurde – aufgrund einer Pandemie? – also in der Tat sicherer!

Ein neuer Lebensentwurf für Greta?

Es wurden erstaunliche Klimaverbesserungen gemessen: So war der Himalaya aus weiter Distanz plötzlich wieder sichtbar, die CO2-Belastung am Rosengarten in Zürich sank ein bisschen, der Smog in vielen Städten auf der Welt lichtete sich merklich. Das Meer war weniger trüb, der Himmel von Flugzeugen, Lärm und Verschmutzung durch Kerosin befreit. Und so weiter. Von Greta hörte man nichts mehr, was für einmal auch ganz angenehm war; allerdings wird die junge Dame nun vielleicht auf der Suche nach einem neuen Lebensentwurf sein, denn plötzlich erfüllte sich vieles fast von selbst.

Dass die Klimaverbesserungen eventuell nur ein vorübergehendes Phänomen waren, konnte für den Moment – im Sinne des positive thinking eben – elegant ausgeblendet werden.

Der Buntspecht ist auf dem Vormarsch

In Deutschland freuten sich die Ornithologen, dass nun offenbar der Buntspecht sich etwas mehr verbreiten konnte – dem Lockdown sei Dank. Und aufgrund des reduzierten Energieverbrauches träumten gewisse Kreise in Zürich von einer vorgezogenen Einführung der 2000-Watt-Gesellschaft. Ja, Lockdowns wirken sich ökologisch vorübergehend positiv aus – ohne Frage. Also Lockdowns for ever…?

Auch ökonomisch Positives

Da wäre noch die Deflation. Der können wir durchaus etwas Positives abgewinnen: Aufgrund der Nachfrageschwäche und vieler nachgebender Preise werden wir nun etwas mehr für unser Geld erhalten. Unsere Rentengelder werden dadurch auf die Länge nicht sicherer, aber sollten wir demnächst in den Genuss von deren Verzehr geraten, werden wir uns mehr dafür leisten können! Auch die Schwäche auf dem Immobilienmarkt hat ihr Gutes: Lasst uns eben zugreifen. Und wenn der Schweizer Franken wieder steigt, werden wir unsere Finca in Spanien bald kostenlos erwerben können. Wir könnten uns auch ein Second Home in Buenos Aires anlachen. Vielleicht noch ein paar Monate zuwarten bis zum definitiven Staatsbankrott (erst vor ein paar Tagen war das Land tatsächlich zahlungsunfähig) und der endgültigen Implosion des Peso, dann sollten wir auf der Matte stehen und investieren. „Buy low, sell high“ haben uns doch unsere Banker immer gepredigt. Wenn wir jedes Mal das Gegenteil von dem gemacht hätten, was unsere weitsichtigen Bankanalysten gesagt hätten, hätten wir vielleicht schon früher Geld verdient. Die Idee mit einer Investition in Buenos Aires hatten unsere Bankanalysten noch nicht. Wir könnten folglich goldrichtig liegen! Also viele positive Aspekte.

Innovationspotentiale werden freigesetzt

Nachhaltiger ist wohl eher der Technologieschub, den diese Pandemiekrise ausgelöst hat: Die Gesellschaft hat mit Sicherheit einen Quantensprung in der Digitalisierung vollzogen, Einkaufs- und Kommunikationsverhalten wurden modernisiert, neue Innovationspotentiale wurden freigesetzt. Effizienzsteigerungen im Informationsaustausch in der Arbeitswelt konnten erprobt und raffiniert werden. In einigen Bereichen des privaten und geschäftlichen Lebens haben wir viel dazugelernt – und zwar nachhaltig.

Der Autonomiegedanke

Natürlich könnte die erlebte Ohnmacht und Abhängigkeit vom Ausland nun zu Isolationismus führen – nichts Positives. Aber umgekehrt könnte die Erkenntnis, dass wir in einigen Belangen etwas mehr Autonomie und bessere Vorkehrungen für Krisen brauchen, auch positiv gewertet werden! Wir werden dabei allerdings vernünftig bleiben müssen, ein Abgesang an die Globalität und das Hochziehen von Schranken würde uns beileibe nicht weiterbringen.

Tolle Erkenntnisse

Insgesamt ist der Pandemie-Erfahrung also in der Tat etwas Positives nicht abzusprechen. Unsere Gesellschaft hat in wenigen Wochen unglaublich viel dazugelernt. Also Friede, Freude, Eierkuchen…?

Vieles wird nicht mehr so sein wie früher, vieles muss nun revidiert werden. True Economics sieht sich dafür verantwortlich, die Augen zu öffnen und Probleme zu erkennen. Da ist leider oft nicht immer nur Positives dabei. Und was die Pandemie und deren Bewältigung betrifft: Die langfristigen volkswirtschaftlichen Schäden werden enorm sein. Sie werden uns ein neues Handeln aufzwingen, um weitere Schäden abzuwenden. Wir werden nicht drum herumkommen, weiter über Krisen zu reden. Krisen werden unser künftiges Leben generell  vermehrt mitbestimmen, das gesicherte Überleben der Volkswirtschaften wird dabei zentral sein. Ob eine dramatische Strommangellage, eine grosse Cyberattacke oder eine neue Pandemie: Wir müssen unsere Volkswirtschaften künftig besser schützen. Die Volkswirtschaft ist übrigens das kollektive Tun eines Volkes, falls das gewisse Kreise vergessen haben sollten. Die „Wirtschaft“ ist nicht eine externalisierte Grösse, das sind wir. Der vermeintliche Konflikt zwischen „Gesundheit“ und „Wirtschaft“, wie er in den letzten Wochen herbeifabriziert wurde, gibt es gar nicht. Wenn wir die Wirtschaft nicht schützen und am Laufen halten, kommen alle zu Schaden – diejenigen, die das nicht erkennen, meist zuerst. Nur erkennen sie es oft nicht.

Der Bundesrat hat in diesen Tage entschieden, 20 neue Stellen für die Bekämpfung möglicher Cyberkrisen zu schaffen. Das ist ein guter und positiver Beginn eines Lernprozesses! True Economics wird sich demnächst noch analytisch und kreativ mit möglichen Krisenszenarien und deren volkswirtschaftlicher Bewältigung auseinandersetzen.

Fazit: Wir müssen weiter mit viel Realitätssinn Krisen erkennen, um sie besser bewältigen zu können. Und wir müssen uns künftig besser auf neue Krisen vorbereiten.

Gerade eine moderne und gut aufgestellte und vorbildlich ausgebildete Volkswirtschaft hat die Gnade, dies zu tun: Sie hat genügend Mittel, Gemeinsinn, Wissen.

Verbesserungsvorschläge und Hinterfragen gerade des aktuellen Krisen-Managements sollen damit nicht per se als negativ gewertet werden – das kann auch durchaus kreativ sein. Mit positivem Effekt dann. Ein gutes Krisenmanagement reduziert das Negative. Die Arbeit beginnt immer im Kopf! Ja, in diesem Sinne sieht True Economics auch vieles positiv…

Wie denken Sie darüber? Schreiben Sie uns!

Maastricht ist tot

Oder was der hundertste Geburtstag Ursula von der Leyens mit der neuen gigantischen Euro-Verschuldung zu tun hat

Es erstaunt nicht, dass es heute niemand mehr wagt, über die einst gesetzten Maastricht-Regeln für die europäischen Staaten auch nur schon ansatzweise nachzudenken: maximal 3% Budgetdefizit, maximal 60% Staatsverschuldung. Diese Benchmarks sind inzwischen Makulatur. Die EU-Kommission legt nun einen gigantischen „Wiederaufbaufonds“ in Billionenhöhe vor, welcher vielen Ökonomen das Blut in den Adern gefrieren lassen muss. Er suggeriert so etwas wie einen Marshallplan, als ob es einen „Wiederaufbau“ nach einer Zerstörung bräuchte. Tatsächlich werden indessen vor allem Löcher gestopft. Gibt es wirklich nur diesen Weg…?

Die neueste Entwicklung der europäischen Verschuldung nimmt eine weitere Eskalationsstufe. 750 Milliarden soll die EU nun zusätzlich verteilen dürfen, plus das bereits abgesegnete Sieben-Jahres-Budget – insgesamt sind es 1‘850 Milliarden, wie die NZZ präzise hochrechnete, also fast 2 Billionen Euro. Es soll für den „Wiederaufbau“ nach der Pandemie verwendet werden. Es spielt dabei nur eine akademische Rolle, ob das zusätzliche Geld als Zustupf (500 Milliarden) oder als Kredit (250 Milliarden) qualifiziert wird – an Rückzahlungen zu denken, ist so oder so nur Wunschdenken. Theoretisch wird dafür das Jahr 2058 genannt. Der Zufall will es, dass Ursula von der Leyen dann genau 100 Jahre alt sein wird. Es wäre ihr vergönnt, zu beobachten, wie dannzumal die Kredite – nebst den noch folgenden, uns heute noch nicht bekannten) – eben gerade nicht zurückbezahlt werden. Vermutlich wird zu jenem Zeitpunkt dann gar nicht mehr von „Refinanzierung“, sondern ganz einfach von „Schuldenerlass“ gesprochen.

„Bedingungen“ für die Alimente sind schon heute Makulatur

Natürlich, so die Message, plane man strenge „Bedingungen“, die an den grossen Geldsegen verknüpft sein sollen. Es ist heute schon absehbar, dass diese politisch nur sehr verwässert durchsetzbar sein werden. Die Südländer wollen eben schon mit Mitte 50 in die Rente. Sie wollen zum Teil auch Ferienbons von 500 Euro an die Bevölkerung verteilen. Einige Länder denken an ein bedingungsloses Grundeinkommen – oder haben es schon eingeführt. La grande nation – auch eine der künftigen grossen Begünstigten des Eurosegens – beginnt gerade jetzt, mit fünf Milliarden ihre technologisch rückständigen Automobilwerke von Renault zu unterstützen. An der 35h-Woche möchte man indessen lieber nicht rütteln.

Einige europäische Staaten möchten die Schattenwirtschaft nicht konsequent bekämpfen, und die Ineffizienz der Verwaltungen ist sozusagen in der DNA dieser Länder verankert – auch die verkrusteten Märkte gelten mehr oder weniger als gegeben. Also viele alte Zöpfe und demotivierende Umverteilungs-Konstruktionen. Ob das Euro-Manna diese Länder nun wieder wie Phönixe aus der Asche auferstehen lässt? Es ist zu befürchten, dass das nicht stattfindet.

Die „sparsamen Vier“ werden sich nicht durchsetzen können

Schon bisher konnten „strenge Bedingungen“ für europäische Subventionen nicht durchgesetzt werden. Es sei beispielsweise an Griechenland erinnert, wo die für die Aufforstung der Olivenbaum-Plantagen verteilten Gelder gar nie gross zum Pflanzen von Bäumen verwendet wurden. Es ist nicht daran zu denken, wie überdimensioniert ein Kontrollapparat aussehen müsste, welche die richtige Kanalisierung der neuen Euro-Billionen überwacht.

Die „sparsamen Vier“, also Dänemark, Holland, Schweden und Österreich, werden ihre Opposition irgendwann aufgeben. Notfalls „kauft“ sie die EU eben; sie erhalten vielleicht  irgendetwas anderes. Brexit-bedingt fehlt leider künftig das natürliche und früher gewichtige Ausgaben-Korrektiv Grossbritannien.

Nicht alles sind Corona-Blessuren

Der Term „Wiederaufbau“ gaukelt vor, dass die Länder nun eben Corona-versehrt sind und, gleich einem Marshall-Plan, sozusagen Entwicklungshilfe für den Aufbau benötigen. Wir wissen natürlich, dass die Misere schon früher angerichtet wurde. Zudem sind die Länder zum Teil selber schuld, in der Pandemie-Bekämpfung übermässige Kosten produziert zu haben. Die überstrengen Lockdowns, zum Teil in willkürlicher und diktatorischer Franco- oder Duce-Kontrollmanier, versetzten die Gesamtwirtschaft in Schockstarre und hinterlassen nun immense Schäden und Schulden.

Ein „Wiederaufbau“ wäre nur nach einer richtigen Zerstörung notwendig, die ganze Kreditierung und Unterstützung wird so indessen zur Augenwischerei. De facto werden – trotz der vorgenommenen Kontrollen und in Aussicht gestellten „neuen Projekte“ – die Gelder vorab zur Erhaltung des Status Quo in schwachen EU-Ländern verwendet.

Gigantische Summen am Kapitalmarkt

Die 750 Milliarden sollen am Kapitalmarkt aufgenommen werden. Es ist allerdings kaum anzunehmen, dass private und institutionelle Anleger diese Summe ganz absorbieren werden. Sie ist einfach zu gigantisch. Also werden dann vermutlich die europäischen Zentralbanken und Körperschaften in die Bresche springen und die kostbaren Scheine zeichnen. Das hatten wir doch schon bei anderen EU-Institutionen: Man kauft sich selbst, also mit Mitteln, die man gar nicht besitzt. Man schöpft Geld. Das einzige Nicht-Virtuelle an dem fahrlässigen Vorgang ist dann das Ausgeben der grossen Summen. Ja, das Fed sündigt hier auch – was indessen keinen Freipass für andere sein sollte.

Jeder Ökonom weiss, dass dieses Vabanquespiel mit der wundersamen Geldvermehrung  irgendwann einmal ein hässliches Ende nehmen wird. Investitionen und Ausgaben einer Volkswirtschaft dürfen letztlich nur aus faktischer Wertschöpfung und nicht monetärer Schöpfung entstehen. Das geplante Bühnenstück ist ein Spiel mit dem Feuer.

Weiss Frau von der Leyen, wieviel zwei Billionen sind…?

Ob Frau von der Leyen und alle Mitglieder der EU-Kommission sich die Grössenordnung von zwei Billionen Euro tatsächlich vorstellen können? Hier ein paar Vergleiche: Die zwei Billionen entsprechen ziemlich genau dem BIP ganz Italiens (allerdings dem von 2019). Oder dem Russlands. Oder dem 15-fachen Umsatz des gesamten Neuwagenmarktes in Deutschland. Die Schweiz baute einst das Kernkraftwerk Gösgen für zwei Milliarden CHF – also entspricht die inkriminierte Summe 1‘000 mal der für Gösgen. Frau von der Leyen könnte wohl nichts mit  dem Vergleich anfangen, zumal sie den „Green Deal“ im Kopf hat. Aber man könnte der offenbar etwas überforderten, ausgebildeten Kinderärztin vorrechnen, dass sich mit den 750 Milliarden das gesamte UNICEF Kinderhilfswerk 100 Jahre lang komplett finanzieren liesse. Oder ein etwas handfesterer Vergleich für die weiteren zahlreichen Nicht-Ökonomen in den Wandelhallen in Brüssel: Würde man 1-Euro-Münzen übereinander stapeln, so könnte man mit 750 Milliarden mehr als vier Mal die Strecke zum Mond zurücklegen. Der Vergleich ist trotz der Reduktion auf das Handfeste nicht hilfreich, weil die schiere Dimension dieses unvernünftigen monetären Ausflugs für die EU-Beamten damit gleichwohl nicht transparenter wird.

Was passiert mit dem Euro?

Uns ist natürlich nicht entgangen, dass auch die USA und das Fed ähnliche ordnungspolitische und finanzielle Frevel begehen wie die EU. Auch Japan verhält sich mit seiner welthöchsten Staatsverschuldung (2020 wohl gegen 250% des BIP) nicht besser, und Grossbritannien liebäugelt mit Negativzinsen, weil es auch dort noch einiges zum Finanzieren gibt. Wenn alle gleich sündigen, werden sich die Währungen untereinander nicht sonderlich abwerten. Aber der Aufwärtsdruck auf den Schweizer Franken wird sich kaum abschwächen. Selbst wenn unser Staat nun ebenso mit bis vor kurzem noch undenkbar hohen Schuldensummen hantieren wird.

Europa krankt – nicht an Corona

Europa tut sich keinen Bärendienst, wenn es meint, mit einem „Wiederaufbaufonds“ nun im globalen Wettbewerb eine stärkere und modernisierte Rolle spielen zu können. Andere Länder – trotz vielen immanenten Defiziten – sind stärker: China wird sich wieder aufrappeln, denn die Bevölkerung hat die Energie dafür und es herrscht ein Wachstumsglaube, die USA werden ihre kräftige Stellung nicht preisgeben, Indien und Emerging Markets stehen trotz vorübergehenden Blessuren in den Startlöchern. Europa – als Ganzes gesehen, wohlverstanden – ist im globalen Wettbewerb heute in vielen Belangen nicht mehr konkurrenzfähig. Die „kreative Zerstörung“ fehlt leider, die es für einen  „Wiederaufbau“ bräuchte – nebst dem Manko einer gemeinsamen Strategie.

Die Alternative?

Europa müsste erst einmal seine Verkrustungen aufbrechen, bevor Geld investiert werden kann. Die Uralt-Strukturen und hemmende Regelwerke in vielen, gerade südlichen Ländern müssten vorab beseitigt werden, die Schattenwirtschaft eingedämmt und die Effizienz an vielen Ort erhöht werden. Gerade jetzt bestünde die Chance, Hilfskredite (nicht Subventionen!) nur zu vergeben, wenn damit deutliche Strukturverbesserungen einhergehen. Also müssten strenge Reform-Bedingungen an Investitionen (ja, „Investitionen“, nicht „Ausgaben“) geknüpft werden. Der IMF hat bei seinen Kredithilfen nicht immer alles brillant erledigt, aber der Grundgedanke dahinter hat in vielen Fällen immerhin zu längst überfälligen Reformen geführt. Die EU-Kommission und Deutschland – welches seine Führungsrolle leider noch nicht wiedergefunden hat – könnten gerade jetzt einen grundlegenden Reformplan für die Wirtschaft Europas vorlegen. Und sonst gibt es eben kein Geld. Das würde einiges an Häme produzieren, würde vielen europäischen Staaten indessen längerfristig helfen. Ob so ein nachhaltiger Plan, anstatt Euro-Manna, je Wirklichkeit wird? Die Hoffnung stirbt zuletzt. 

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