Der Bundesrat und die Behörden feilschten wohl wochenlang hinter den Kulissen um einen Lockerungsplan. Eigentlich sollten medizinische und wirtschaftliche Prämissen den Fahrplan bestimmen. Das Resultat indessen ist nun ein politisches und nur beschränkt nachvollziehbar.
Kosmetikgeschäfte sicherer als Fachmärkte?
Die Epidemiologen hätten natürlich einen möglichst scharfen Lockdown belassen, die Wirtschaft dagegen eine möglichst rasche Öffnung gewünscht. Der Staat als Ganzes musste die Balance finden, um die medizinischen Auswirkungen nicht aus dem Ufer laufen zu lassen, während die Wirtschaft wieder atmen kann. Denn nur so lassen sich die Gesamtkosten in den Griff kriegen. Dass grosse Veranstaltungen, Partys, Gastronomie und andere Aktivitäten und Wirtschaftszweige das Social Distancing nicht gewährleisten können, leuchtet ein. Also warten. Dass mit Auflagen die Schulen nächstens wieder irgendwie funktionieren müssen und generell wieder flächendeckend normaler gearbeitet werden muss, leuchtet ebenso ein.
Aber nun dies: Blumenläden, Coiffeurgeschäfte, Kosmetik- und Massagesalons sind offenbar sicherer und wirtschaftlich relevanter als z.B. Fachmärkte, Möbelmärkte, etc.? Ein Jux…?
Übertragungsrisiko zu hoch bei über 800 m2 Verkaufsfläche?
Die Deutschen verblüfften uns schon kurz zuvor: Unter 800 m2 Verkaufsfläche scheint die Epidemie besser einzudämmen zu sein, als über 800 m2 ? Es ist schlichtweg nicht nachvollziehbar, wieso sich die Ladengrösse invers zur Sicherheit verhalten sollte. Das Gegenteil ist der Fall: Je grösser die Ladenfläche, desto geringer die Frequenz – und desto geringer die Übertragungsrisiken.
Schon vorher unlogische Einschränkungen
Was in der Schweiz schon vorher nicht nachvollziehbar war: Warum durfte die kleine Bäckerei und Metzgerei, wo hinter der Theke das Personal ungeschützt über die Auslagen hustet (wie auch im Supermarkt übrigens), offen bleiben, der weitflächige Elektronikfachmarkt (Media Markt z.B.) aber nicht? Ebenso waren die Bau- und Gartenmärkte bis jetzt geschlossen, dies zum Beispiel im Gegensatz zu Deutschland.
Grosse Fachmärkte weisen im Vergleich zu den Grossverteilern im Lebensmittelhandel in der Regel eine lächerliche Frequenz auf. Mit den nötigen Sicherheits-Auflagen hätten auch Möbelgeschäfte (Ikea z.B.) oder andere grosse und frequenzarme Anbieter spielend und ohne Risiko offen bleiben können. Nun müssen diese Angebotskonzepte in der Schweiz auch beim neuen Öffnungsschritt noch geschlossen bleiben.
Handys durften schon bisher, aus nicht ganz nachvollziehbaren Gründen (unter Verharren in Warteschlangen bis nach draussen), nur im kleinen Mobilfunkshop gekauft werden, und es mussten über Wochen verkaufsfertige Setzlinge aus den gut durchlüfteten Gartencentern auf den Müll geworfen werden. Das kurzarbeitende Personal dieser frequenzarmen Fachmärkte wurde vom Staat einfach durchgefüttert. Nun gut, vielleicht war das einfach ein Regiefehler. Der Staat musste handeln, ganz rasch. Da kann man einmal daneben schiessen.
Nichts gelernt? Oder alles nur Politik?
Inzwischen ist die Informationslage klarer, das Wissen um die Pandemie geschärft und die Behörden sollten dazugelernt haben. Sollten. Denn der jüngste Lockerungsentscheid spricht eine andere Sprache: Wie ist es möglich, einem Möbelhändler oder andern grossen Detailhandelsbetrieben auf der grünen Wiese die Öffnung zu verbieten, dem Blumenhändler hingegen nicht? Der Entscheid kann nur politisch sein, denn aus Frequenz- und Ansteckungsgründen lässt er sich nicht nachvollziehen. Gelten die grossen Konzerne als überlebensfähiger und muss ihnen nicht geholfen werden? Oder geht es eher darum, das „einheimische“, also nicht-ausländische Gewerbe zu schützen? Um Konkurse kleinerer Geschäfte zu vermeiden? Oder um die Basiswähler von Gewerbetreibenden bei der Stange zu halten? Es muss so sein. Ein Coiffeurbetrieb stellt ein grösseres Coronarisiko dar als ein grosser Sportfachhändler. Es mag einleuchten, dass ein Haarschnitt nun langsam dringender geworden ist als der Kauf eines neuen Tennisrackets. Aber epidemiologisch können diese Öffnungsentscheide nicht begründet werden. Ökonomisch auch nur bedingt. Gewisse Branchen haben wohl einfach das bessere Lobbying.
Zu allem Übel befinden sich die kleineren Geschäfte in den Innenstädten, mit deren Öffnung erhöht sich die Frequenz in den Fussgängerzonen und öffentlichen Nahverkehr. In die Fachmärkte indessen gelänge man geschützt im eigenen Fahrzeug, ohne zu Fuss die virologisch stärker gefährdenden Boulevards zu passieren. Diese Öffnungs-Selektion macht damit weder wirtschaftlich, noch medizinisch Sinn!
Kosmetiksalon statt Golfplatz
Ebenso wenig nachvollziehbar ist, dass nun ein Kosmetiksalon wieder öffnen darf, der Golfplatz aber bis auf weiteres geschlossen bleibt. Wie eine Gesichtspflege ohne Körperkontakt erfolgen soll, wird uns der Bundesrat wohl noch erklären müssen. Und warum das Golfspiel – erwiesenermassen eine Sportart mit eher kontrolliertem Körpereinsatz, aber sicher ohne Körperkontakt – verboten sein soll, bleibt wohl ein grosses virologisches Rätsel.
Oder ist es doch nur ökonomisches Unvermögen?
Entweder liess sich der Bundesrat schlecht beraten, er knickte vor gewissen Gewerbelobbys ein, oder er macht einfach generell sein politisches Ding. Mit gigantischen ökonomischen Folgekosten. Umsatzverluste sind letztlich auch Verluste von Steuersubstrat, abgesehen von den Kurzarbeits- und anderen Unterstützungskosten. Ökonomie scheint den Bundesrat zurzeit so oder so nur noch am Rande zu interessieren. Zwar hat er in den letzten Jahren erfolgreich gespart. Nun aber gibt er das Geld mit beiden Händen aus und erhält allenthalben viel Support dafür. Geld kostet ja eigentlich nichts, da zinslos. Zur partiellen Entschuldigung vielleicht: Kaum ein Mitglied des siebenköpfigen Schönwetterclubs konnte je eine fundierte ökonomische Ausbildung geniessen. Sie können zwar Trauben ernten, Klavier spielen oder kennen sich in der Juristerei etwas aus. Im besten Fall bringen sie – im Falle von Ueli Maurer – etwas buchhalterische Verbandsführung mit. Der Staat wird also von einem Stab geleitet, welcher bar jeder mikro- oder makroökonomischen Ausbildung oder Berufserfahrung ist. Kein Wunder, werden gerade jetzt Entscheide gefällt, welche vorab politisch sind.
Verquere Entscheide betreffend den Grenzöffnungen vorprogrammiert
Zu befürchten ist, dass nebst den Entscheiden in Sachen Gastronomie und Veranstaltungen der Entscheid betreffend Wiederöffnung der Grenzen ebenso politisch gefällt werden wird.
Schon bisher war die Grenzschliessung für den Privatverkehr nur teilweise nachvollziehbar. Viren wissen nämlich nicht, wo die Landesgrenze liegt. Deren wirkungsvolle Eindämmung müsste so oder clustermässig für einzelne besonders stark verseuchte Gebiete erfolgen. Nicht nur die Schweiz, die ganze EU hatte hier sehr eigennützig und unkoordiniert gehandelt. Die Schweizer Übergänge für die Grenzgänger indessen blieben weit offen wie ein Scheunentor. Als ob diese zwar bitter nötigen, aber privilegierten Personen quasi virenlos passieren könnten. Das Schweizer Gewerbe freute es, der Einkaufstourismus ins nahe Ausland konnte gekappt, Milliardenausgaben wieder in die Schweiz geholt werden. Gleichzeitig durfte dergestalt bei den Schweizer Grossverteilern an der Preisschraube gedreht werden, denn auf einen Schlag fiel die böse ausländische Konkurrenz mit den unanständig tiefen Preisen weg.
Was zum Geier wird hier vorbereitet?
Wetten, dass die Schweizer Gewerbelobby noch länger versuchen wird, die Grenzöffnungen möglichst hinauszuzögern? Nicht aus medizinischen Gründen natürlich, sondern schlicht und einfach aus Eigeninteresse. Wieder einmal zum Schaden der Konsumenten und zur Stärkung des Ungleichgewichtes im Preisgefüge Schweiz – Ausland. Der jüngste Entscheid des Bundesrates, Einkaufstourismus, welcher heute immer noch stattfindet (welcher…?), ab sofort mit Bussen zu ahnden, bestätigt unsere Vorahnung. Was zum Geier wird hier vorbereitet?
Protektionismus ist ein schlechter Begleiter einer erfolgreichen sozialen Marktwirtschaft. Die politischen und damit letztlich wirtschaftlichen Corona-Kollateralschäden summieren sich weiter.