Kaum jemand kennt die «Suwalki-Lücke». Und ob sich um diese tatsächlich Geheimnisse ranken, wird Waldmeyer nun aufdecken. Auf jeden Fall hat das Ganze nichts mit den Urlaubsplänen von Charlotte zu tun. Eher schon mit handfesten geopolitischen Analysen unseres Militärstrategen Max Waldmeyer.
Charlotte liebte diese «what if…?»-Fragen. Und sie wusste, dass Max auch zu den absurdesten Fragen immer eine prägnante Antwort aus dem Hut zaubern konnte. Aber manchmal sind die Vorstellungen doch sehr anspruchsvoll, sich in etwas hineinzuversetzen, das man gar nicht möchte.
So geschehen, gerade gestern, als Charlotte, angesichts des Schlamassels in der Ukraine, mit der Frage rausrückte: «Was würdest du tun, wenn du Putin wärst…?»
Waldmeyer antwortete wie aus der Pistole geschossen: «Ich würde nie Putin sein wollen. Oder Putin gewesen sein wollen. Putin ist ein No-Go. Ein schlauer Kerl, sehr gewieft, auch ein Bluffer. Aber ein Geo-Krimineller, machtbesessen, brutal und gemein. Ein Kriegsverbrecher. Er wickelt alle um den Finger, verdreht Tatsachen und Fakten, erfindet Narrative und absurde Geschichten. Schon die Merkel ist ihm früh auf den Leim gekrochen. Putin war früher bekanntlich ein hoher Geheimdienst-Agent, sogar in Deutschland stationiert. Schon damals hatte er vermutlich Dreck am Stecken.»
«Aber wenn du nun wirklich Putin wärst, wie würdest du heute gegenüber dem Westen reagieren, zumal es ja an der Ukrainefront nicht nach Plan läuft?»
Stimmt, mit Putins Westerweiterung läuft es nicht optimal. Putin hatte sich das anders vorgestellt als er dachte, zum Zeitpunkt der Invasion im Februar 2022. Diese abtrünnige Sowjetrepublik hätte gemäss seinem Plan schon nach ein paar Tagen kapitulieren sollen. Seine Jungs hatten in den Panzern sogar die Ausgangsuniform dabei, um sich dann in Kiew gleich für die grosse Parade in Schale zu werfen. Und jetzt wird der Kremlherr, und das auch nur im besten Fall, zu einem faulen Kompromiss Hand bieten müssen. So einen Deal kann man allerdings nur abschliessen, wenn man einen Plan B hat. In diesem Fall könnte dieser lauten: «Reculer pour mieux sauter!». Also einen Schritt zurücktreten – aber nur um Anlauf zu holen.
«An den anderen West-Fronten läuft es doch hervorragend für Putin!», stellte Waldmeyer fest und versuchte eine neue Fährte zu legen, damit Charlotte ihn nicht wieder mit der absurden Frage bedrängte, was wäre, wenn er, Max Waldmeyer aus Meisterschwanden, Wladimir Putin wäre.
Tatsächlich läuft es ganz gut in Sachen russischer Hegemonie: An allerlei Plätzen ist Russland sehr aktiv. Weniger im Nahen Osten, da hat er einen Schuh voll rausgezogen in Syrien. Aber Afrika läuft sehr gut. In Libyen hat er erfolgreich einen Anker geworfen und in der Saharazone, quer durch den Kontinent, hat er bald alle Staaten unter seiner Kontrolle – bzw. unter seinem Einfluss, da er diverse korrupte Miltärjuntas oder Rebellengruppen unterstützt, finanziell und militärisch. So werden westliche Staaten erfolgreich verdrängt. In Kuba, Venezuela und Nicaragua hat er auch einen guten Lauf.
Was die europäischen Staaten aber noch mehr ärgert, sind Putins Winkelzüge direkt vor ihrer Türe. Da läuft es sogar hervorragend. Sogar in gestandenen Ländern Europas hat er nun seine Botschafter installiert, so in Frankreich mit Le Pen, bei der AfD in Deutschland oder mit Roger Köppel bei der Weltwoche in der Schweiz. Ganz zu schweigen von Viktor Orban, seinem geheimen Statthalter in Ungarn. Neu in den Club aufgenommen wurde Freund Fico, Slowakei. Zum Teil gehen diese Botschafter heute als gestandene Putinversteher durch.
Insbesondere in den verlorenen Staaten der Ex-Sowjetunion geht er weniger subtil vor. Das Muster Putins ist dabei immer dasselbe, doch nun wird es langsam sichtbarer: erst mal drohen, dann unterminieren, dann zur Hilfe eilen. Und alles so steuern, dass es der tumbe Westen möglichst nicht merkt.
Putin war immer schon sehr grosszügig mit Hilfeleistungen an „unterdrückte“ russische Minderheiten in anderen Ländern. Das wird auch heute im Baltikum, in Bulgarien oder Rumänien so gehandhabt: Da werden politische Parteien und Bewegungen unterstützt, kremlfreundliche Politiker gefördert und mit Trolls und Fake News nachgeholfen.
So läuft beispielsweise die Unterstützung in Moldawien auf Hochtouren. Der Osten des Landes, Transnistrien, ist sogar seit geraumer Weile ein russisches Protektorat und hat sich der moldawischen Staatlichkeit entzogen. Nun werden gewisse Regionen im Süden bearbeitet, damit sich diese ebenso in eine Sezession stürzen und Russland zuwenden.
Georgiens Präsidentenwahl 2024 war getürkt. Stimmen wurden gekauft, viel Geld investiert und so ein kremlfreundlicher Oligarch an die Spitze gehievt.
Der Präsidentschaftskandidat in Rumänien, Georgescu, erhielt wesentliche Unterstützung aus Moskau, monatelang warben russische Nachrichtenagenturen für ihn, und bezahlte Beiträge in den Social Medias taten ihr Übriges; seinen Wahlkampf führte Georgescu, wohl ein Jünger aus Ceausescus Securitate, wer‘s glaubt, „ohne Geldeinsatz“.
Die Regierungen in Ungarn und Serbien betrachten den Kremlherrn gar als guten Freund. Russland dreckelt auch im Kosovo, was wohl als Schulterschluss Moskaus mit Serbien verstanden werden muss.
Wer meint, es ginge der russischen Nomenklatur nur um die Ukraine, muss mit Blindheit geschlagen sein. Der abgehalfterte russische Ex-Präsident Medwedew meinte schon mal, er wünschte sich „eine Sowjetunion von Wladiwostok bis Lissabon“. Das mag natürlich eine Provokation gewesen sein. Aber zumindest die Grenzen eines schönen Zarenreiches wünscht sich Russland schon zurück. Die Ex-Sowjetunion, wie sie bis 1989 bestand, sicher auch. Das Minimum sieht wohl so aus, dass man das Baltikum, die Ukraine, Moldawien, Bulgarien und Rumänien gerne zurück hätte. Die aktuelle Unterminierung in diesen Ländern erfolgt ja nicht zum Spass. Das kostet einiges an Anstrengung, und deshalb gibt es selbstredend einen klaren Plan dahinter.
«Was ist jetzt, Max, was wäre, wenn du Putin wärst, was wären deine nächsten Schritte?»
«Wenn ich Putin wäre, müsste ich sein Ego und seine strategischen Pläne übernehmen. Das möchte ich wirklich nicht, das wäre unappetitlich.»
Waldmeyer gab in der Folge trotzdem nach und legte vier konkrete Pläne offen. Alle vier würden zum Ziel haben, den Westen zu stören und zu verblüffen, die NATO weiter auseinanderzubringen, aber keinen direkten Gegenschlag der westlichen Allianz zu provozieren:
Der erste Schritt wäre einen Angriff auf die Schweiz, der zweite die Übernahme Moldawiens. Der dritte Schritt könnte die Besetzung von Spitzbergen sein. Und in einem vierten Schritt würde sich Wladimir Waldmeyer die Suwalki-Lücke vorknöpfen. Oder das Ganze in einer anderen Reihenfolge.
„Bitte alles der Reihe nach“, amüsierte sich Charlotte. „Das wird gar nicht so lustig werden, Schatz“, konterte Waldmeyer und holte aus.
Das stärkste Mosaikstück im Plan und eine der vier Optionen wäre der Abwurf einer taktischen Atombombe. Das könnte vor allem notwendig werden, wenn die anderen drei Optionen – in den Augen Russlands – nichts taugten. Putin könnte als Ziel bewusst die Schweiz auswählen. Das Land ist fast das einzige in Europa, das weder in der NATO noch in der EU ist (mit dem EU-Beistandspakt). Eine Hyperschallrakete, aus Kaliningrad losgeschickt, würde in maximal zwölf Minuten in der Schweiz einschlagen. Sie könnte über dem Industriegebiet im Zürcher Oerlikon niedergehen, vermutlich in einer Samstagnacht, dann kommen nicht so viele Zivilisten zu Schaden. Eine taktische Atombombe muss also gar nicht so schlimm sein. Die sind sehr präzise und sie verseuchen das Gebiet kaum. Leider kann sie kaum abgewehrt werden. Erstens, weil die Nato dann schläft (und zudem kaum reagieren würde), zweitens, weil die Schweiz, trotz fünf Milliarden, die sie jährlich in die Armee buttert, über keine tauglichen Abwehrsysteme verfügt. Die sind erst für 2030 geplant. Und diese müssten dann zu alledem noch binnen Sekunden funktionieren.
Waldmeyer fragte sich, was anschliessend passieren würde, und er gab sich gleich selbst die Antwort: nichts. Der neue Verteidigungsminister würde sich noch in der Nacht die Handynummer des NATO-Oberbefehlshabers raussuchen lassen und ihn anrufen – er würde ihn aber wohl nicht am Sonntag, sondern erst am Montag erreichen: «Mark, kannst du uns helfen?» Aber Mark Rutte würde nicht helfen können, denn Art. 5 der NATO würde keinen Beistandsfall erkennen. Und ausserdem müsste er zuerst Präsident Trump fragen – zurzeit taktisch eher heikel, da noch ein paar wichtigere Fragen anstehen. Er würde die Deutschen und die Franzosen bitten, ein paar Ambulanzen loszuschicken und sich dann später im Hauptquartier erst mal gründlich beraten lassen. Dann vielleicht auch mit Präsident Trump. Der würde ihm antworten: “Holy shit, Putin is a son of a bitch. Sweden is part of NATO, yes? We have a problem.” Nachdem Rutte ihm dann die europäische Geografie in Erinnerung gerufen hat, würde Trump antworten: «Ok, I got it. But we have no deal with this Swaziland, or Switzerland. It’s none of our business.»
Mark Rutte würde dann immerhin eine Warnung nach Russland senden. Vielleicht würde sogar China ein bisschen protestieren – ein bisschen. In der UNO würde sich eine grosse Anzahl der Staaten hinter Russlands Interpretation stellen, dass die Schweiz mit der Blockierung von immer mehr Russenvermögen provoziert hätte. Schliesslich hat kein Staat der Welt im Verhältnis zu seiner Population mehr Milliarden blockiert als die Eidgenossenschaft. Russland würde zudem technische Erklärungen liefern und beweisen, dass eine taktische Atombombe keine Atombombe ist.
Charlotte war nicht so überzeugt, dass dieses Szenario wirklich realistisch ist. Also war sie gespannt auf das Thema Moldawien. Und das würde, laut Waldmeyers Vision, so ablaufen:
Moldawiens russische Minorität würde einen Hilfeschrei Richtung Kreml abschicken. Wonach ihre Rechte beschnitten seien, ihre Sprache keine Amtssprache sei etc. Russland würde von Transnistrien aus dann ein paar Armeepolizisten reinschicken. Die würden plötzlich auch den Fernsehsender und das Parlamentsgebäude besetzen. Die schwache moldawische Armee würde sofort die Waffen abgeben. Und dann? Dann passiert eben auch nichts. Moldawien ist nicht in der NATO, auch nicht in der EU. Zwar gilt Moldawien als EU-Beitrittskandidat – aber das ist etwa so viel wert wie Waldmeyers Mitgliedschaft im Rotary Club Meisterschwanden. In der UNO würde die Geschichte rumgereicht, dass Moldawien sich freiwillig und hilfesuchend Russland zugewandt hat. Innerhalb der NATO käme es zu einer Zerreissprobe: Tschechien, das Baltikum und Polen würden auf einen NATO-Truppenaufmarsch an der rumänischen Grenze insistieren und auf knüppelharte Sanktionen. Rumänien würde rumlavieren, Deutschland sich Bedenkzeit ausbedingen, der französische Präsident würde zum Telefon greifen und mit Putin sprechen wollen, und Trump weiss gar nicht, wo Moldawien liegt.
Waldmeyer schob sich selbst noch eine Frage nach: Was würde wohl die Schweiz machen? Nun, die Schweiz würde neutral bleiben und hoffen, dass sie bei den Sanktionen nicht mitmachen muss, die der Westen vielleicht doch noch verhängen würde. Bundesrat Parmelin würde anmerken, dass wir zwar ein Freihandelsabkommen mit Moldawien haben, dass das Handelsvolumen allerdings kaum messbar sei.
Und nun zu Spitzbergen – auch ein taktisch sehr kluger Schritt:
Spitzbergen ist ja so etwas wie eine Kolonie Norwegens. Es leben nur gut 2‘500 Leute dort, Ausser Eisbären, etwas Rohstoffe und viel Alkohol in den wenigen Bars gibt es nichts. Aber Spitzbergen kommt, rein geografisch, eine nicht uninteressante Rolle zu. Laut dem Pariser Vertrag von 1920 muss Spitzbergen entmilitarisiert bleiben, gewährt jedoch verschiedenen Staaten, auch Russland, ein Recht auf wirtschaftliche Aktivitäten, so für Bergbau, Fischerei und Handel. Russland könnte das ausweiten. Und sich dann beklagen, dass die russischen „Einwohner“ in Spitzbergen diskriminiert werden. Ein paar Forschungsschiffe könnten 250 russische „Polizisten“ auf das karge Eiland schicken, um die „Ordnung wieder herzustellen“. Mittels Salami-Taktik würde der Einfluss monatlich verstärkt, am Schluss weht die russische Flagge in Longyearbyen, der ziemlich verloren wirkenden „Hauptstadt“ der Insel.
Leider ist Spitzbergen, obwohl dem NATO-Mitglied Norwegens zuzurechnen, militärisch kein NATO-Staat. Was dann passieren würde? Wohl auch nichts. Die Einverleibung Spitzbergens würde den Artikel 5, den Beistandspakt der NATO, nicht aktivieren. Trump würde sich ärgern: „Why didn’t we buy this f… Spitzenbergen before?“, oder so.
Charlotte wurde nun langsam ungeduldig: „Und was passiert jetzt mit diesem Suwalki-Ding?“
Waldmeyer war besonders stolz auf diese Vision. Nur schon, weil sie die naheliegendste, einfachste und raffinierteste Variante wäre, um viel Zwist zu säen und grosse Unruhe zu stiften. Die Suwalki-Lücke trennt (bzw. verbindet) das russische Kaliningrad an der Ostsee von Belarus, also Weissrussland – heute de facto ein Protektorat Russlands. Eine ganz schmale, nur gut 60 Kilometer lange Lücke der Grenze entlang zwischen Litauen und Polen. Heute führen bereits Aufmarschautobahnen von Belarus aus bis zu dieser Lücke. Die vordergründig sinnlos erstellten Strassen enden irgendwo im Wald, kurz vor den Grenzen Polens und Litauens.
Wäre Waldmeyer also Putin, würde er hier einfach mal durchfahren, also von Weissrussland aus haarscharf dem Grenzverlauf zwischen Litauen und Polen folgen, bis ins russische Kaliningrad. Mit modernen Radpanzern dauert das eine gute Stunde. Bis dann hat die NATO nicht reagiert. Litauen hätte bereits protestiert, der Kreml aber zur Antwort gegeben, dass man die litauische Grenze nicht verletzt hätte. Eine analoge Erklärung würde Polen erhalten.
So läge eine vordergründig unklare weitere Provokation auf dem Tisch. Putin würde diese Aktion anschliessend in eine zwingende Forderung nach einer lebenswichtigen Versorgungsachse umwandeln, die man nun so bestehen lassen müsse. Schliesslich hätte man ihm die Handelswege zu seinem geliebten Kaliningrad „abgeschnitten“. Die Nato wäre perplex und würde Russland sicher nicht angreifen. Nur wegen dieser blöden Lücke…? Im UNO-Sicherheitsrat würden die Parteien zu fairen Verhandlungen aufrufen. Mark Rutte würde rumrudern, dann aber einen kühlen Kopf bewahren und die Suwalki-Lücke einfach opfern. Ein Landstreifen, nur 50 Meter breit, um den Zugang zu Kaliningrad zu gewährleisten? Das wäre einen grossen Konflikt nicht wert. Was also passieren würde: wirklich nichts.
Die Suwalki-Lücke wird der nächste Hotspot in Osteuropa sein, ist Waldmeyer überzeugt. Ein solch taktischer Schritt Putins, ein „Mut zur Lücke“ eigentlich, bzw. zum Füllen der Lücke, würde am meisten Sinn machen. Der Suwalki-Begriff ist damit auch nicht mehr mit einem Geheimnis verbunden, denn zu offensichtlich könnte ein solcher Suwalki-Plan sein. Der Begriff ist nur (noch) zu wenig bekannt. So ein Handstreich wäre provokativ, brächte aber sofort viel strategischen Nutzen. Und er würde, mit hoher Wahrscheinlichkeit, keine Menschenleben kosten oder irgendwelche Zerstörungen zur Folge haben – und somit kaum eine geharnischte NATO-Reaktion nach sich ziehen. Über Suwalki werden wir demnächst noch des Öfteren sprechen, ist Waldmeyer überzeugt. «Ich sage nur: S-u-w-a-l-k-i ! Man wird sich den Begriff merken müssen»!
Charlotte wirkte plötzlich interessiert, denn sie schaute sehr nachdenklich. „Meinst du wirklich, Max…?“
«Vielleicht sollten wir uns diesen Landstrich mal näher ansehen, Charlotte? Im Sommer scheint es dort ganz pittoresk zu sein.»
Charlotte antwortete nicht, sie blickte konzentriert auf ihr Tablet. Waldmeyer schaute über ihre Schulter, überhaupt nicht von Neugierde getrieben. Charlotte suchte offenbar gerade etwas bei booking.com. Und da gefror Waldmeyer das Blut in den Adern: Charlotte tippte soeben «Suwalki» ein.